Kreativpost Soul of Stars

Kaffee und andere Wahrheiten

Es ist zehn Uhr morgens, als ich auf meinen Interviewpartner warte. Es ist kalt, die Luft verwandelt sich in Wölkchen, wenn man ausatmet. Ich habe einen Platz am Fenster eines gemütlichen Cafés ergattern können und mir bereits eine heiße Schokolade bestellt, die nun dampfende Kringel ausstößt.

Zehn Uhr fünf. Zehn Uhr zwanzig. Er ist noch immer nicht da. Ungeduldig schaue ich auf mein Handy, doch in diesem Moment schwingt die Tür auf und ein verschlafenes Gesicht schiebt sich in mein Sichtfeld. „Zehn Uhr ist keine christliche Zeit für soetwas“, brummt Hem und lässt sich auf den Stuhl mir gegenüber fallen.
„Es ist ja auch nicht mehr zehn“, entgegne ich mit hochgezogener Braue. „Du bist zu spät!“
Hem streift sich die Wollmütze vom Kopf und fährt durch sein zerzaustes, halblanges Haar. Sein grüner Blick trifft mich und ich gebe nach. Dann ist er eben zu spät. Er bestellt einen Kaffee. Schwarz. Ohne Milch. Ohne Zucker.
„Schieß los“, fordert er mich auf und lehnt sich auf dem Stuhl zurück. Den Parka behält er an, als erwartet er, dass es schnell geht.
Ich zücke meinen Block. Für diesen Termin habe ich mir ein paar Notizen gemacht. Ich überfliege sie. „Wie geht es dir… nach den Ereignissen am Rande des Universums?“, frage ich und bemerke den Schatten, der über sein Gesicht huscht.
„Bestens“, knurrt er durch zusammengepresste Zähne. „Nachdem du mich hast sterben lassen, sind die anderen nun völlig auf sich gestellt. Ein Haufen unorganisierter Kinder!“
„Nicht ich habe dich sterben lassen, dein eigener Bruder hat dich getötet“, erinnere ich ihn, aber Hem will das nicht hören. Er knirscht mit den Zähnen und ich beeile mich, die nächste Frage zu formulieren: „Wie hast du Thethys in Erinnerung?“
Hem zuckt die Achseln und nippt an seinem Kaffee. „Kein Ort, an dem man viel Zeit verbringen will“, brummt er mit verschleiertem Blick.
Er macht es mir nicht leicht. Ich rücke auf der Kante meines Stuhls vor, bis ich beinahe abrutsche. „Wie hast du die Teilung eurer Lager erlebt?“ „Es hat die ganze Gruppe geschwächt. Nur gemeinsam ist man stark, aber das ist etwas, an das Maris nicht glauben konnte. Er wollte Macht und Kontrolle über eine Situation, die sich seiner Kontrolle schon längst entzogen hatte. So war er schon immer. Wenn etwas aus dem Ruder lief, geriet er in Panik und machte Dinge, die… nun ja. Du weißt es ja selbst am besten.“ Diesmal bin ich es, die die Achseln zuckt. „Wenn sich Lunas Gruppe nicht von Maris abgespalten hätte, hätten sich die beiden eines Tages zerfleischt. Dann wär’s das gewesen mit deiner tollen Geschichte!“ Ich ignoriere die Ironie in seiner Stimme und frage stattdessen etwas anderes: „Du hattest von Anfang an einen guten Draht zu Sola, oder?“
„Sola ist in Ordnung“, sagt Hem. „Sie ist ein bisschen jung, vielleicht auch naiv, aber sie hat das Herz am rechten Fleck. Und das ist es doch, worauf es ankommt, oder?“
„Und Laya?“, hake ich vorsichtig nach. Sofort merke ich, dass ich mich auf dünnem Eis befinde. Hem funkelt mich an.
„Was ist mit ihr?“, knurrt er und ballt die Hände im Schoß zu Fäusten.
„Was war das zwischen euch?“, will ich wissen.
Hem schweigt so lange, dass ich glaube, er wird nicht mehr antworten. Dann seufzt er. „Wenn wir uns zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort begegnet wären…“ Er senkt den Blick. „Laya ist ein wertvoller Mensch. Sie ist witzig und sexy und…“ Er, der toughe Hem, errötet. „… liebevoll. Sie hat jemanden verdient, der besser ist als ich.“
„Ich kenne dich“, sagte ich bestimmt. „Du bist wie Sola. Du hast das Herz am rechten Fleck.“ Hem windet sich unter meinen Worten, als hätte ich einen Strick um seinen Hals gelegt. Aber ich fahre fort: „Du warst immer eine meiner Lieblingsfiguren. Du bist mutig, loyal und einigermaßen attraktiv.“
„Einigermaßen?“ Jetzt liegt ein schelmisches Grinsen auf Hems Lippen, das ich nur zu gern erwidere.
„Ich habe dich nach meinen Vorstellungen geschaffen“, erinnere ich ihn. Dann werde ich ernst. „Manchmal tun wir Dinge, die wir nicht tun sollten. Wir enttäuschen und verletzen Menschen. Wir alle tun das. Das bedeutet nicht, dass wir böse oder weniger wert sind. Wie wir damit umgehen, entscheidet darüber, wer wir sind! Du warst in ihren dunkelsten Momenten an Layas Seite!“
„Ich war ihr dunkelster Moment“, murmelt Hem und versteckt sich hinter seiner Tasse.
Ich schüttele den Kopf. „Das ist nicht wahr und das weißt du. Erinnerst du dich an das, was du gefühlt hast, als der Enchant sie angegriffen hat?“
Wieder schweigt Hem und lenkt schließlich vom Thema ab. „Wie geht es aus?“, fragt er mich und in seiner Stimme schwingt ein Hauch von Verzweiflung. „Werden sie es schaffen?“
Ich hole tief Luft. „Ich bin sicher, dass du die Antwort tief in dir kennst.“ Ich mache mir eine Notiz in meinem Buch, dann klappe ich es zu. „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Der Kaffee geht auf mich!“ Ich tätschle Hems Schulter, drücke dem Kellner einen Schein in die Hand und trete mit einem Lächeln hinaus in diesen kalten Januarmorgen.

Du hast Soul of Stars noch nicht gelesen? Zum Buch geht es hier entlang…

© Anika Ackermann

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2 Comments

  • Reply
    Kim
    27/01/2018 at 11:01

    Was für eine wundervolle Idee für ein Interview, liebe Anika! :) Ich habe das Lesen sehr genossen!!!

    • Reply
      Anika Ackermann
      29/01/2018 at 21:50

      Schade, dass es Fiktion ist. Ich würde gerne mal mit ihm einen Kaffee trinken. Also Kakao. Oder Tee :D ❤

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