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Über die Regenbogenbrücke

“Und dann, nach einem leisen Schaudern, regte sich der Elf nicht mehr, und seine Augen waren nur noch große, glasige Kugeln, gesprenkelt mit dem Sternenlicht, das sie nicht sehen konnten.” – Joanne K. Rowling – Harry Potter und die Heiligtümer des Todes ❤

Wenn uns ein lieber Freund verlässt, ist es, als würde er ein Stückchen unseres Herzens mit sich nehmen. Das passiert mir in Büchern immer wieder und ganz besonders in meinen eigenen, wenn ich mich von lieb gewonnenen Figuren trennen muss. Diesmal nehme ich nicht Abschied von einer fiktiven Figur, sondern von einem Freund, der mich zwölf Jahre lang begleitet hat, der Teil meines Lebens war und so selbstverständlich, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass er jetzt einfach nicht mehr da ist.
Gestern Abend hat uns unser lieber Oskar verlassen.

BEST-OF-OSKAR

#1
Als Oskar noch ein Welpe war, war er wie alle Kinder sehr verspielt. Ich erinnere mich, dass wir im Wohnzimmer gesessen und mit einem Ball gespielt haben, den er unbedingt haben wollte. Ich habe ihn ihm immer wieder abgeluchst. Irgendwann versteckte ich den Ball hinter meinem Rücken, was Oskar nicht ganz checkte, denn zwei Sekunden später biss er mir in die Brust – so nach dem Motto: Die Alte will mich wohl verarschen, wenn sie den Ball unter ihrem T-Shirt versteckt – pah!

#2
In der Zeit, als Oskar zu uns kam, hatte ich meinen ersten richtigen Freund. Ich fand es total cool, mit ihm und Oskar spazieren zu gehen. Er hatte schon einen Hund und wusste natürlich, wie man mit ihm umgeht. Ich hingegen machte in seinen Augen alles falsch. Umso lustiger war es, als er Oskar dazu animieren wollte, Stöckchen zu holen. Aber Oskar fand alle Stöckchen blöd. Wir liefen weiter. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass Oskar einen riesigen Ast aus dem Unterholz zerrte, der viel zu groß für ihn erschien. Ich frage mich heute noch, wie er es geschafft hat, dieses Teil in sein Maul zu kriegen. Das Ungetüm war so dick wie ein Stamm und in etwa so lang wie der Gehweg. Wie auch immer. Er schaffte es. Und rannte los. Im letzten Moment wich ich ins Gebüsch aus, aber mein damaliger Freund hatte nicht so viel Glück. Ihm hat Oskar den Stamm volle Kanne in die Kniekehlen geschlagen. Hach, ich erinnere mich an dieses Gezeter, als wäre es gestern gewesen. Ich stand da, ließ es über mich ergehen und lachte mich innerlich halb tot.

#3
In einem Sommer vor ein paar Jahren sind meine Eltern in den Urlaub gefahren und ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, Hundehüterin zu spielen. Damals machte ich mir einen Spaß draus, meinen Eltern jeden Tag ein Selfie von Oskar und mir zu schicken, um zu beweisen, dass er noch lebt. Immerhin war er fast zwei Wochen mit mir alleine. Wir haben die Zeit aber ganz gut überbrückt. Jede Menge Leckerlis, keine Eltern, die darauf bestanden, nach dem Kochen sofort die Küche blitzeblank zu schrubben, ich musste meine Klamotten nicht von den Wohnzimmermöbeln wegräumen, herrlich. Ob Oskar es so genossen hat, wage ich zu bezweifeln, denn er war immer ein absolutes Mami-Kind und recht unruhig, wenn sie länger weg war. Ich für meinen Teil freue mich über die Erinnerungen.

#4
Der beste Freund des Menschen hat für mich mit Oskar eine ganz neue Bedeutung bekommen. Unser Oskar war nie nur ein Hund. Er war Familie und wurde mit eben so viel Respekt behandelt wie die anderen. Er hat es uns gedankt, indem er so war, wie er war: geduldig, gutmütig und bis zur letzten Sekunde lebensfroh. Besonders zu meiner Mutter hatte er ein außergewöhnliches Verhältnis. Als sie vor vielen Jahren durch Spargelfelder spazierten und die Feldarbeiter meiner Mutter nachstellten, verwandelte sich unser liebenswürdiger und immer friedlicher Oskar in eine kleine Kampfmaschine. Aufgestellte Rückenhaare, gefletschte Zähne (und zwar kein Retriever-Lachen) und gefährliches Knurren. Er hat immer auf sie aufgepasst.

#5
Weinen und Wedeln. So wurden der Mitbewohner und ich jedes Mal begrüßt, wenn wir wieder zu Besuch nach Hause kamen. Na gut, um ehrlich zu sein, wurde mehr der Mitbewohner auf diese Art begrüßt. Oskar und er kannten sich nur zwei Jahre. Und trotzdem hat Oskar den Mitbewohner abgöttisch geliebt – quasi von der ersten Sekunde an. Das erste Mal trafen sich die beiden Ende Januar 2016, als ich den Mitbewohner mit nach Hause nahm, um ihn meinen Eltern vorzustellen (lustige Geschichte, muss ich Euch auch mal erzählen). Wir kamen um 3:00 Uhr nachts an, weil der Mitbewohner bis 22:00 Uhr arbeiten musste. Oskar stand verschlafen und schwanzwedelnd an der Tür. Liebe auf den ersten Blick.

Aus der Zeit, als Oskar und ich dieselbe Frisur hatten.

#6
Der Umzug meiner Eltern vom Saarland in die Eifel. Hach, war das schön: Endlich wieder eine vereinte Familie. Dieses Gefühl, mit den Eltern Tür an Tür zu wohnen, kannte ich gar nicht. Uns trennten immer hunderte Kilometer (und heute leider wieder). Damals hatte ich bereits eine Wohnung, nicht unweit vom neuen Zuhause meiner Eltern. Mir wurde die wichtige Aufgabe zugeschrieben, mich um Oskar zu kümmern, der bei jedem Umzug an den Fersen meiner Mutter klebte. Aus lauter Angst, wir könnten ihn zurücklassen. Als ob. Gegen Mittag drehte ich eine Runde mit ihm und lief zu meiner Wohnung, wo ich das Mittagessen für die Umzugshelfer holen wollte. Oskar ließ ich kurz im Garten. Der ist nie weggelaufen und brauchte in seinem ganzen Leben auch keinen Zaun. Doch als ich wieder nach draußen kam, war Oskar verschwunden. Der Schlingel ist doch tatsächlich den ganzen Weg über mehrere Kreuzungen (im Dorf, aber trotzdem!) zurück zur neuen Wohnung meiner Eltern gerannt!!!

#7
Es gibt noch so viele Geschichten, die ich Euch über Oskar erzählen könnte. Oskar, der jedes Mal, wenn jemand eine Flasche geöffnet hat, um Bier gebettelt hat. Oskar, der an Weihnachten Päckchen ausgepackt hat. Oskar, der mehr Plüschtiere besessen hat als mein Bruder und ich in unserer Kindheit – zusammen. Oskar, der jedes Tier beim Namen kannte. Oskar, der am Kopf wie ein Baby gerochen hat, aber wenn er vom Regen nass war bestialisch gestunken hat. Oskar, der als Welpe Blähungen hatte, weil seine Leibspeise Nacktschnecken waren. Ein ganzes Leben voller Erinnerungen. Aber es wird keine weitere mehr geben.

Seit einiger Zeit baute Oskar ab. Es war abzusehen, dass er bald gehen würde, und schon um Weihnachten hoffte ich, ihn wenigstens noch ein letztes Mal zu sehen. Aus dem letzten Mal wurde noch ein zweites letztes Mal. Oskar hatte ein sehr glückliches Hundeleben und ich bin froh und dankbar, dass er es war, der damals unsere Familie komplett machte. In diesem Augenblick fühle ich mich ein wenig verloren. Oskar hinterlässt eine riesige Lücke in unserer Familie. Für uns war er mehr als ein Hund und deshalb fällt der Abschied auch so schwer.

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